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Kunstfluglehrgang in Laucha 2008
Samstag, 25. Juli 2009 um 14:48 Uhr

Im Herbst 2007 bereits angemeldet fuhren wir nach Laucha an der Unstrut:
ICAO: EDBL
Elevation: 738ft / 225m
Tower / Info: 122.475 MHz
Position: 51° 14,76' N / 11° 41,58' E

Die zweistündige Anreise erfolgte am Freitagabend. Briefing dann am Samstag nach dem reichlichen und guten Frühstück, gegen 09:00 Uhr. Es begann mit der Theorieausbildung für den Segelkunstflug. Hier erfolgte eine Unterweisung über folgende wichtige Themenbereiche:

  • Rechtliche Bestimmungen
  • Sicherheitsmindesthöhe
  • Flugplan
  • Kunstflugraum (Kunstflugbox)
  • Einweisung in Rettungsmaßnahmen und -systeme
  • Menschliche Belastbarkeit
  • Unterweisung in Rettungsmanöver (Notfallstandards), Beenden von Rückensteilspirale, Flachtrudeln
  • Orientierungsverlust im Rückenflug
  • Einsatz von Bremsklappen
  • Figurenabbruch
  • Erklärung und Bedeutung des V-n-Diagramms sowie des Lastvielfachen
  • Kunstflugkonfiguration
  • Sicherheitsgrenzen und Überlastung
  • Richtiges Anschnallen usw.

Die Aresti-Figuren (Aresti war ein Hauptmann der spanischen Luftwaffe und entwickelte eine Methode, Kunstflugfiguren in graphischer Form darzustellen) für

  1. Looping (Überschlag)
  2. Halbe Rolle links mit Abschwung (2. Loopinghälfte)
  3. Halben Looping aufwärts mit anschließender halber Rolle
  4. Turn rechts
  5. Rolle links
  6. Turn links
  7. Rolle rechts
  8. Steilkreisen mit 60° Vollkreis links und 60° Vollkreis rechts
  9. Kurvenslip

 

In dieser Reihenfolge war auch am Ende der Ausbildungswoche das Prüfungsprogramm innerhalb einer "Kunstflugbox" von 1000m Länge x 1000m Breite x 1500m Höhe zu absolvieren. Verlassen dieser "Box" führte zur "Disqualifikation" und Nichtbestehen der Prüfung ebenso wie unterschreiten der Mindestflughöhe natürlich.

 

Am Samstagnachmittag ging es dann gleich zum Fliegen.
Richtig und deftig festschnallen! Hier halfen wir uns gegenseitig.
Aus 1200m bis ca. 600m nur Rückenflug, stand auf dem Nachmittagsflugprogramm. Im Jahr 2008 noch nicht geflogen, ging es dann plötzlich aus 1200m mit einer mir bisher nicht sehr vertrauten Maschine im 60°-Winkel Richtung Erde bis wir 200km/h Fahrt hatten, dann kurz waagrecht um dann mit ca. 6g Anfangsbelastung zum Looping durchzuziehen. Auf dem Rücken angekommen stand die Welt plötzlich auf dem Kopf. Dabei versuchen die Orientierung zu behalten war zuerst gar nicht so einfach. Das hatte mit Spaß mal nichts mehr zu tun.

Alles Blut im Hirn, der Blick dadurch eingeengt (Tunnelblick), das teilweise bis zu dreifache Körpergewicht auf den Schulter- und Sitzgurten. Der wenige Schmutz innen an der Plexi-Haube klebend. Anfangs dachte ich, wenn nur mal die Gurte halten, um nicht aus dem Cockpit gen Erde zu schießen. Dann im Rückenflug Fahrt zwischen 200km/h und 100km/h versuchen zu kontrollieren, bzw. wegzudrücken und die Richtung zu halten. Dann versuchen einen leichten rechts/links-Kreis zu fliegen. Das war Anfangs echt hart. Schon mal für«s daheim üben: Häng Dich mal wieder mit Kopf unten an die Teppichstange und stell Dir vor Du fliegst!

 

Ein Teilnehmer gab am Tag danach dann auf, weil ihm das zu anstrengend war (22 Jahre alt). Der jüngste erfolgreiche Teilnehmer war übrigens Anfang 20!

Sonntag und Montag war geprägt von "Lehrer macht vor, - Schüler versucht nachzumachen". Manchmal lachten wir uns krank, weil aus einem Turn etwas ganz anderes, undefinierbares wurde, oder weil der Flugplatz um 180° in der falschen Richtung lag (Orientierungsverlust). Ich kam mir manchmal vor wie in einer Waschmaschine. Oben und unten war kein Problem, aber wo war Ost und West auf einmal? Die Lust auf positiv- und negativ-g stieg und es machte uns nach einigen Starts fast nichts mehr aus diese doch nicht zu verachtende Körperbelastung zu akzeptieren. Enormen Spaß machte dieses Turnen und fast grenzenlose Fluglagentraining dennoch .

 

Das Wetter wurde die kommenden Tage schlechter und unser Schlepp-Pilot im SF 25 - MoSe schleppte was die Maschine hergab. Von einer Hangböe im Schlepp die Flächen in 30m Höhe senkrecht gestellt bis zum "Wolkenschlepp", wo man weder ACL des MoSe am Seitenleitwerk, noch mehr als 5-8m Seil vor sich sah, war alles dabei. "Ich sehe nichts mehr, kannst ausklinken" - war der treffende Spruch des Urviech-Schlepp-Piloten Lothar, der mich bei Null Sicht "loswerden" wollte. Ich blieb aber dran bis ich wieder etwas Orientierung verspürte weil ich meinte unter mir etwas "Erde" zu sehen.

Sogar der Blechbomer Blanik, den wir zum Trudeln benutzten klinkte oben an der Wolkendecke nicht aus, bis ich mit 2 Händen mit aller Kraft am Ausklinkhebel riß, weil uns der Schleppmose in den Sturzflug brachte und wir diesen natürlich auch - aber in 900m Höhe noch kein großes Problem. Lothar, unser Schlepp-Pilot war scho a Hund auf der Geign. Vieles was spektakulär war, schien bei ihm mehr Spaß als Grübeln zu verursachen. 25 Schlepps am Tag waren für ihn scheinbar normal.

 

Fliegen, Segelkunstfliegen, Windenstarts und MoSe-Schleppen, und dies alles auf einem Platz zusammen, bei selbst bis zu 60km/h Wind, scheinen in Laucha normal zu sein. Um nicht selbst abzuheben bauten wir uns täglich ein "Windschutzzelt" auf, welches wir ab und zu festhalten mußten, damit es nicht der Teufel holte.

 

Dienstag/Mittwoch war dann der Tag an dem wir dann das Prüfungsprogramm, verfolgt von den scharfen Blicken der Kunstfluglehrer Stefan Wesellack und Andreas selber fliegen durften und anschließend immer zum "Rapport" gehen durften um die jeweiligen Mängel zu besprechen.

Uns acht Schülern standen zwei ASK 21, segelkunstflugtaugliche Flugzeuge, zur Verfügung und somit konnten teilweise bis zu 3 Flüge jeweils pro Tag/Pilot absolviert werden.
Abends merkten wir, dass fliegen auch ganz schön anstrengend sein kann, wenn uns nach zwei bis drei Bier gegen 23:00 Uhr die Luft ausging. Übrigens: der älteste Teilnehmer, unser Franzis Labeau, kam aus Belgien und war 58 Jahre alt. Auch er hatte seinen Spaß beim "am Himmel turnen" und natürlich mit uns Bayern.

 

Auch unser Begleiter (ein SFC-Flugschüler) ließ es sich nicht nehmen, die Welt aus einer Waschmaschine zu betrachten, und überließ sein Leben für 30 Minuten dem Segelkunstfluglehrer.

Am letzten Samstag der Lehrgangswoche tauchte dann gegen 10:00 Uhr der Prüfer, nach Lauchaer Tradition ein Sachse, Namens "Munkelt" auf. Oh Mann!!
"Wißt ihr überhaupt wie man - Tööörn - schreibt?" auf vollsächsisch - war einer seiner ersten Sprüche.
Das kann ja interessant werden dachte ich mir, und damit meinte ich bestimmt nicht das Wetter!

Etwas nervös natürlich, "zauberte" jeder Pilot seine Kür an den Himmel so gut er konnte. Leider passierte es auch hier, dass die obere Hälfte eines Loopings dann in einer Wolke verschwand, was uns der Prüfer aber nicht allzu übel nahm. Er meinte dazu nur: "So kann man sich auch davonstehlen". Wenn das Prüfungsprogramm spätestens hier nicht saß, hatte man so gut wie verloren. Spaß verstand der Prüfer leider nicht, und schon gar kein bayrisch, also hielt ich mich hier lieber zurück und tat schön brav was man mir anordnete. Einmal im Jahr geht das schon wenn man will.

Ich schnaufte natürlich erst mal durch, als er mir seine Hand entgegenstreckte und mir gratulierte. Gott sei Dank das auch geschafft, dachte ich mir und schaltete einen Gang höher, den anderen Kameraden Mut zuzusprechen und in den Flieger zu helfen.

Nach dem Reinigen und Einräumen der Maschinen traten wir dann am letzten Tag gegen 18:00 Uhr die Heimreise an. Etwas wehen Herzens ging das Abenteuer zu Ende. Zuhause angekommen dann die Begrüßung meiner Gattin: "Na, lebst Du auch noch?" "Und wie!", entgegnete ich. Ich war dennoch froh, dass dies auch zutraf, denn den Respekt und die Gefahren darf man hier keinesfalls unterschätzen.

Ein wirklich toller Lehrgang ging zu Ende. Neue Freunde, nette gleichgesinnte Kameraden, Zusammenhalt, Grillen, Bowlen, die Himmelsscheibe von Nebra, ein Flugplatz mit Herzlichkeit, gutes und reichliches Essen, samt Flüssigem, und fliegen was das Zeug hält. Gibt es etwas schöneres? Man kann einen solchen Lehrgang nur wärmstens weiter empfehlen. Und... ich war sicher nicht das letzte mal in Laucha, im Haus der Luftsportjugend.

Die hier gezeigten Bilder und noch viele Impressionen zu diesem Lehrgang finden sich in der Galerie

Reiner Weig

 
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